Hier fühle ich mich verstanden

Seit fünf Jahren begleiten Johanna Schwarz und Michael Friedmann junge Erwachsene, die trauern. Mina ist eine von ihnen – seit zwei Jahren ist sie bei den Abendrunden von „Du fehlst mir!“ dabei, nachdem sie ihre Schwester verloren hatte. Im Oktober findet zum ersten Mal ein Wochenende für Trauernde statt.

Fünf Jahre ist es her, da stand Michael Friedmann kurz vor dem Abschluss seiner Ausbildung zum Trauerbegleiter. Es fehlte nur noch ein Projekt für die Abschlussarbeit. „Alle anderen in meinem Kurs dachten sich Angebote für ältere Menschen aus, ich wollte aber gerne was für junge Leute machen“, erklärt er. So entstand das Projekt „Du fehlst mir!“, bei dem 18- bis 35-Jährige nach dem Tod eines nahestehenden Menschen begleitet werden. Anfangs kamen vier Trauernde zu den Treffen in die Jugendkirche Ludwigsburg, inzwischen sind es mehr als doppelt so viele – über all die Jahre waren inzwischen über 70 junge Menschen dabei. Zwei Runden mit jeweils fünf Abenden finden pro Jahr statt. Aber wer einmal dabei war, kommt häufig wieder.

Mina kam im Oktober 2015 nach dem Tod ihrer Schwester erstmals in die Jugendkirche. Sie wollte gerne darüber sprechen, aber in ihrer Familie wurde anders getrauert. Einen Ort zum Reden fand sie bei „Du fehlst mir!“. „Bei den Gesprächen wird mir immer wieder bewusst: Andere haben auch etwas Schlimmes erlebt, aber sie haben das irgendwie hinbekommen.“ Von Menschen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden, könne sie Anregungen besser annehmen. „Wir haben hier eine gemeinsame Basis – hier fühle ich mich verstanden.“

Weil sich alle in unterschiedlichen Trauerphasen befänden, hätten viele schon erlebt, was andere gerade durchmachten, erklärt Mina. Sie beschreibt, was „Du fehlst mir!“ für sie so wichtig macht: „Ich habe hier einen Raum gefunden, in dem ich darüber nachdenken kann, was meine Schwester für mich war – und immer noch ist.“ Und es gebe auch Zeit für sich selbst, nicht zuletzt die „Gut-tu-Zeit“, welche die letzte Viertelstunde des Abends füllt. „Da gibt es mal eine Geschichte, mal eine Handmassage, mal Erdbeeren mit Sahne – einfach etwas, was gut tut“, erklärt Johanna.

In der Arbeit mit den jungen Erwachsenen setzen Michael und Johanna auf Methoden aus der Jugendarbeit. „Wir spielen und setzen kreative Impulse“, sagen sie, „um sich auch auf andere Weise mit der Situation auseinanderzusetzen.“ Bei einem der Treffen bekamen alle einen Luftballon, der mit einer Nachricht beschrieben wurde, was man der Person vor ihrem Tod gerne noch gesagt hätte – was aber ungesagt blieb. Danach ließen sie die Luftballons in den Himmel steigen – ein emotionaler, aber schöner Moment.

Mehr Zeit für solche Momente, für Gespräche, aber auch für sich selbst, gibt es bei „Du fehlst mir! – Das Wochenende“, das vom 26. bis 28. Oktober 2018 im Freizeithaus Zwickmühle in Bretzfeld-Rappach bei Heilbronn stattfindet und von der Jugendstiftung JUST und der Stiftung von Andere Zeiten e.V. unterstützt wird. „Dort gibt es dann auch mehr ‚Gut-tu-Zeit‘“, sagen Michael und Johanna. Das bedeutet wohl: Mehr Geschichten, mehr Handmassagen – und mehr Erdbeeren mit Sahne.

Informationen zu den Abenden von „Du fehlst mir!“ und zum Wochenende (für junge Menschen aus der ganzen Diözese) gibt es bei Michael Friedmann (0179 9926545 / dufehlstmir-lb@hospiz-bw.de). Träger des Angebots ist die Kath. Erwachsenenbildung Kreis Ludwigsburg e.V. und die Ökumenische Hospizinitiative im Landkreis Ludwigsburg e.V.

Simon Linder