Perspektivenwechsel

Impressionen des Fotografie-Workshops

Alles eine Frage der Perspektive. Welch eine Analogie. Denn so wie man die Perspektive eines Bildes ändern kann, so ist auch die Einstellung eines Menschen veränderbar. Der Blickwinkel, wie man auf Dinge sieht, welche Tatsachen man in den Fokus rückt und was für einen selbst wichtig ist und wie wir mit Situationen umgehen, das bestimmt unser Leben. Alles eine Frage der Perspektive. Dies war auch das Thema des viertägigen Fotoworkshops von Kinder- und Jugendtrauer geleitet von Julian, einem Fotografen und Filmemacher, der uns die Kunst der Fotografie näher bringen und zum aktiven Fotografieren sowie Kreativwerden anregte. Auch Michael Friedmann, Referent für Kinder- und Jugendtrauer, sowie Tamara, ehrenamtliche Mitarbeiterin des Ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienstes, würden uns begleiten und die Woche mitgestalten. Sie sorgten nicht nur für leckeres Essen auf dem Mittagstisch, sondern waren neben Julian auch Ansprechpartner, Mitleiter des Kurses und Wegbegleiter.

Ich selbst ging mit einem Gefühl der Freude in die Tage hinein. Als ich teils neue, teils schon bekannte Gesichter in der Runde am Montagmorgen erblickte, war ich erfreut: so viele, die meine Leidenschaft teilten oder teilen wollten. So viele, die ihre Trauer verarbeiten, einen Perspektivwechsel vornehmen wollten. Einfach Klasse! Jeder Morgen begann mit einem Plenum der Besinnung an die Menschen, die wir verloren haben. Doch dies taten wir mitnichten in stiller Trauer, nein, durch Austausch mit den Anderen konnten wir Neues erfahren, Meinungen lauschen und wertvolle Erfahrungen sammeln. Wie bereichernd ich es fand, von anderen Geschichten zu hören, die mich bewegten und rührten, inspirierten und bereicherten, ist kaum in Worte zu fassen. Und hierbei konnte ich schon erkennen, dass nicht nur die Fotografie ein Thema war, nein, genauso sehr war es die Geschichte jedes Einzelnen. Der Umgang mit der Trauer waren Bestandteil der nächsten Tage und sollten mich noch viele Tage zum Nachdenken anregen.

Da viele, ich eingeschlossen, zwar eine Kamera besaßen, jedoch gerade einmal wussten, wie man etwas heranzoomt, so wurden wir von Julian belehrt, wie mit der Kamera umzugehen ist und was man als Hobbyfotograf alles wissen sollte. Am ersten Tag wurde zum Beispiel die Technik in der Kamera beleuchtet. Obwohl dies natürlich wie eine Dampfwalze der Theorie erstmal alle wie überrollt zurückließ, war es doch sehr interessant. Nein, ich würde schon fast sagen, es war essenziell, denn nun wusste jeder, was die drei goldenen Module der Fotografie waren und für was sie gut waren bzw. wie man mit ihrer Hilfe gewünschte Effekte erzielen konnte: Blende, ISO und Belichtungszeit. Wer das nicht drauf hat, kann sich später über verschwommene Autos, unscharfe Objekte sowie überbelichtete Himmel freuen. Ich spreche einmal das Ungesagte: Solche Fotos sind scheußlich.

Als hochspannend empfand ich auch die Kompositionstechniken der Fotografien, wie Bilder aufgebaut werden können oder wie mit Wärme und Farben gespielt werden kann. Auch sahen wir in den nächsten Tagen tatsächliche Beispielfotos bekannter Bildermacher. Wir durften diese Bilder dann freilich auch kommentieren und interpretieren, was im Expliziten vor allem mir ungeheuren Spaß bereitete. Jedes Bild transportierte eine Botschaft und fing den wohltreffend formulierten: „moment décisif“ also den „entscheidenden Moment“ perfekt ein. Wahre Kunstwerke der Kamera. Doch nun klingt es so, als hätten wir alleinig im Stuhlkreis gesessen, auf das Beamerbild gestarrt und immer wieder Kommentare über imposante Ablichtungen verloren. Nein, nein.

Natürlich wurde auch die Kamera in die Hand genommen, wild fotografiert, abgebildet sowie auch portraitiert. Unter vielen unterbelichteten und verschwommenen Qualitätsbildern entpuppten sich doch viele Fotografien als einzigartige Abbildungen der schönen Sommernachmittage. Vom Käfer bis zur rosa Blume, von Häuserwänden zu rollenden Äpfeln, jeder fotografierte etwas anderes. Die Bilder blieben dennoch nicht unbeschaut und so durfte jeder nach der Fotografiereinheit ein paar Bilder, die er gemacht hatte, am Beamer den anderen zeigen. Alle durften etwas zu diesen sagen, Kritik wie auch hervorragende Lobesworte. So konnte sich jeder individuell weiterentwickeln.

Am Abend des zweiten Tages durften wir sogar den Turm der Ludwigsburger Friedenskirche besteigen und von droben die Stadt, das Panorama und Nachtleben mit der Kamera einfangen. Vor allem Bilder, auf denen die blinkenden Lichter der Autos der Straßen zu verwischten, wunderschönen Streifen wurden, erfreuten sich großer Beliebtheit unter uns Teilnehmenden. Oder auch die untergehende Sonne, die die Dächer der Stadt in ein wohliges Gold tauchte. „Wundervoll“ beschreibt es nicht einmal ansatzweise.

Am Ende eines jeden Tages gab es dann noch das „Bild auf den Weg“. Der Titel erklärt sich von selbst. Julian, unser Mentor, zeigte uns kurz vor Schluss noch ein sehr impressionistisches und faszinierendes Bild unterschiedlicher Natur und unterschiedlicher Situationen. Über Flüchtlinge die in der blauen Nacht verzweifelt Kontakt zu ihren Liebsten aufnehmen wollen bis zu einem Pokalbild der von uns gewonnenen WM 2014.

Anschließend gingen wir mit der Kamera fest im Griff nach Hause, sich freuend auf den nächsten Tag, ambitioniert das nächste beste Foto zu schießen und alle anderen wieder zu sehen.

Fazitiell, um die ereignisreiche Woche zusammenzufassen, möchte ich sagen, dass ich mehr gelernt habe, mehr neue nette Menschen getroffen, mehr schöne Momente in diesen vier Tagen erlebt habe, als ich mir je erhofft hätte. Dass die Fotografie eine Kunst ist, die es vermag Gefühle durch Perspektive, Licht und Ideenreichtum zu transportieren und zu poetisieren hätte ich nie gedacht. Doch nun noch einmal zum Anfang: Alles eine Frage der Perspektive. Habe ich denn nun eine neue erlangt, sehe ich nun aus einem neuen Blickwinkel? Ja, so ist es. Ich habe an einem Morgen einen kleinen Text verfasst, der diesen kleinen Impressions-Text zum Workshop zusammenfassen soll:

„Und hier bin ich nun, wieder in der Vogelperspektive, aber nicht wie vor dem Tod meines Vaters, ich fliege nicht geradlinig . Es gibt Sturzflüge, Senkungen und das schließliche Emporsteigen. Ich fokussiere auf das Wesentliche und zoome nicht stetig auf das Unwohl meinerseits. Ich habe die Richtige gefunden. Die richtige Perspektive für mich.“

Text: David


Wir danken herzlich der Sparda-Bank für die großzügige Unterstützung des Fotoworkshops.